Kunstkabine Berlin


Kabinendruck ist konstant

In der Kunstkabine Berlin werden kontinuierlich Ausstellungen gezeigt. Die Betreiber konzipierten als Erstes ihre Installation „Entwurfsbecken“, die eine zukünftige inhaltliche Ausrichtung sichtbar machte: In einem Becken wurden auf die noch leeren Räume bezogene Ideen gesammelt. Durch diesen Vorgang veränderte sich das Erscheinungsbild der Installation.
Die „Autoren“ der „Arbeit“ gestalteten zusammen mit dem „Publikum“ diesen Vorgang, das heißt hier wurde bewusst die Grenze zwischen solchen Begriffen relativiert. Was macht eine künstlerische Arbeit aus? Der Entwurf - oder vielmehr der Vorgang, der durch diesen angeregt wird? Beides? Das sind Fragen, oft in die diffuse Sphäre eines weiteren Begriffes verschoben („Überbau“, „Theorie“), die auch in anderen gesellschaftlichen Systemen als der Kunst eine Rolle spielen, etwa in der Wissenschaft. Bei dem Begriff „Kabine“ kann man an etwas Abgeschlossenes denken, eine Art Druckkammer sogar. Laboratorium?

Birte Forck und Christoph Ritschel wollten zunächst einen erweiterten Raum zum Entwickeln, Testen und Dokumentieren ihrer eigenen künstlerischen Arbeiten , als sie vor drei Jahren den ehemaligen Laden für Raumgestaltung mieteten, die Wände glätteten, international kunstweiß strichen und Neonlicht hinein hängten. Wie eine negative Skulptur zeigte sich jetzt eine eigenwillige Raumstruktur, gebildet aus den ehemaligen Lebensbereichen Arbeit, Lagern, Leben. Welcher Weiße Würfel weist sonst eine Decke mit nicht mittig sitzendem, aber symmetrisch und exakt ausgeführtem Kreuzgratgewölbchen auf? Ein Präsentationsraum eben, schon immer gewesen, wenn auch gefüllt mit dem handelsüblichen Dekorationsbedarf. Klar, dass hier (wie auch sonst wo) keine „neutralen“ Räume zum Zeigen von Kunst entstanden, dass sich am Besten die Kunst in den Räumen abspielen würde, dass sie hier entwickelt und dann in ihrer Entwicklung gezeigt würde. Oder noch mal anders: was entsteht, reibt sich an der Realität des Raumes. Das tut „gute“ Kunst im Allgemeinen vielleicht immer, da sie zwangsläufig in Räumen entsteht (einschließlich von Außenräumen). Kann es sein, dass dies hier noch sichtbarer wird? Gleichzeitig hat das Entstandene/Gezeigte hier eine notwendige, kunstbetrieblich verankerte Schutzhülle: Es gibt Licht, es gibt weiße Wände, es gibt regelmäßige Eröffnungen, es gibt Leute, die sich das ansehen und mehr wissen wollen...

Die Kunstkabine besteht aus drei Zeige/Arbeitsräumen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Es gibt den sehr sachlich barockisierten vorderen Raum mit Nische, Treppe und Fensterfront; es ist der auftaktmäßige, skulpturale und gleichzeitig „cleanste“. Ein Schauraum mit Fensterfront zur Straße. Der Außenraum wird zur Hintergrundkulisse. Eine Schleuse? Folgt ein fast schachtförmiger kleiner Durchgangsraum, der die Nahsicht auf die Dinge fordert. Der Blick weitet sich mit dem dritten, der langgestreckt zum Hinein- und Durchschreiten aufruft, zum Handeln, zum Aufreihen von oder auch zum Anfüllen mit Dingen. Ein intensives Raumempfinden durch Differenz, verstärkt durch die Kompaktheit im Ganzen. Keiner der Räume ist groß, die Wände und Details immer zum Greifen nah. Körper und Raum in unmittelbarer Bezugnahme möglich. Auf viele der bisher hier entstandenen/gezeigten Arbeiten hat diese Form unmittelbar eingewirkt. Naheliegendes Beispiel ist die Arbeit von Alien Oosting, die in den Räumen über einen längeren Zeitraum ein Modell ihrer eigenen Wahrnehmungsverschiebungen des sie umgebenden Raumes materialisierte; sie arbeitete sich im Wortsinn schrittweise durch die Räume. Björn Saul rekonstruierte in einem monumentalen Abbildungsexperiment im vorderen Raum seinen wochenlangen Blick vom Krankenhausbett aus. Annäherung an einen bestimmten Raum durch Differenz: Ein eingeschränkter, radikal „subjektivierender“ Blick, veröffentlicht an anderem Ort (inklusive Schaufensterblick) zu anderer Zeit. Gisela Beck verband konsequent die Lichtverhältnisse an diesem Ort mit jenen, von denen ihre Bilder sprechen. Um das einfallende Außenlicht im Sinne ihrer Arbeit zu nutzen, wurden Eingriffe in die „Raumzeit“ des Ausstellungsbetriebs nötig und die Öffnungszeiten in die frühen Morgenstunden erweitert. Katja Kollowa ging radikal mit den Gegebenheiten des Raumes um: Zum Beispiel wurde die klassische Berliner Hinter-Klo-Nische im hinteren Raum mit Gasbetonsteinen und einer ordentlichen Menge Mörtel vermauert, nur durch eine winzige Öffnung blieb ein Blick in den spärlich beleuchteten abgetrennten Raum dahinter. Was als eine erneute Befragung von „Skulptur“ gelten kann mit den üblichen Parametern (vor, hinter, innen, außen, Fläche, Raum), nimmt auf den konkreten Raum Bezug.

Die Ausstellungen werden von den eingeladenen KünstlerInnen konzipiert und realisiert, die Betreiber unterstützen dabei die Nutzer nach Bedarf. Das gemeinsame Ziel ist eine Ausstellung zu einem bestimmten Termin. Dieses von Beginn an kooperativ angelegte Modell sorgt bisher dafür, dass der Kabinendruck gehalten wird, dieser Betrieb hier läuft. Gegenseitige Förderung durch Selbstorganisation.
Erst im letzten halben Jahr standen Fördermittel für eine Ausstellungsreihe zur Verfügung, die in den strukturellen Ausbau fließen, in Öffentlichkeitsarbeit, Kommunikation, Erscheinungsbild. Was der Kunstkabine Berlin zugute kommt, kommt den beteiligten KünstlerInnen zugute. Denen, die hier gearbeitet haben und denen, die hier hoffentlich zukünftig arbeiten können.

Kunstkabine Berlin versteht sich als ein Labor, aber auch als Umschlagplatz und hat das Ziel, KünstlerInnen in ihrer Arbeit zu unterstützen. Der organisatorische Rahmen wurde bewusst auf das erforderliche Minimum beschränkt. Die Betreiber brauchen nicht lang nach Nutzern suchen; diese kommen meist zu Ihnen. Ein persönliches, informelles Verfahren, basierend auf der Tatsache, dass an Orten, an denen auf einmal kontinuierlich Ausstellungen stattfinden, sich zunehmend (auch) KünstlerInnen einfinden. Es gibt so etwas wie ein Grundvertrauen in die jeweilige „Qualität“. Sowieso ein Begriff, der stark marktintern funktionalisiert worden ist und damit momentan ziemlich leer läuft, wenn man Kunst über jene simple und auf Dauer langweilige Funktion „das geht gut“ hinaus beurteilen will. Kunstkabine Berlin versteht sich nicht nur klar als nicht-kommerziell, sondern will mit einer Programmatik der Selbstorganisation und der Fokussierung auf kunstimmanente Fragen einen Gegenpol zur herrschenden Marktförmigkeit und der damit einhergehenden Egozentrierung im Kunstbetrieb bilden. Nicht was jemand schon hinter sich, das heißt ja kunstbetrieblich nur: welchen „Namen“ er oder sie sich „gemacht“ hat, ist hier wichtig, sondern vielmehr seine oder ihre Motivation, Kunstkabine Berlin zu nutzen.



Arbeiten im Raum

Ich hab eine knappe Woche Zeit für diese Arbeit. Und einen leeren Raum. Und Material, das jetzt im Keller lagert, früher in anderen Räumen installiert worden ist. Was wird dieser Raum hier, zu dieser Zeit daraus machen? Mit mir als handelndem Beobachter? Ich schneide die Bündel der Leisten auf und verteile sie am Boden. Bodenarbeit, Wandarbeit, Raumarbeit... Ich bewege mich parallel zum Material im Raum, messe mit ihm den Raum aus (Zahlen, es ist für mich ein Glück, spielen keine Rolle). Der Raum begrenzt die Konstruktion, sie ist in den Raum gespannt. Die Konstruktion hält sich nicht in sich (was ist sie eigentlich?); sie hält sich im Raum, sie wird vom Raum gehalten. Raum und Arbeit: in einer Konstruktion zusammengefasst. Für den Blick, also für das Denken. Das ist die kurze Geschichte des Handelnden. Weitere Handlungen folgen, Handelnde treten hinzu: weitere Beobachter. Eine glückliche Fügung. Aber gäbe es diesen Raum nicht, wäre auch diese Arbeit nicht...

Ich brauch Deinen Schutz und möcht Dich beschützen/ Ich hab Dich nötig, möcht Dich nicht benützen.
(Fehlfarben, auf: Monarchie und Alltag)

Jan Burmester
Bamberg 2006

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